Cunitz muss weg

Das Schlimmste ist überstanden.

Nix wie weg!

Die Buden wurden abgeschlagen. Der Weihnachtsmarkt ist vorbei. Vorerst.
Der Geruch von übertaktetem glühweinartigen Getränk ist verraucht. Ebenso der Nasenblaster von verbrannter Schokolade und qualitätsgeprüftem Überbackkäse. Ein Tag ist noch der Standplan auf dem Pflaster zu sehen. Der Fettglanz schimmert glitschfreudig auf den Laufwegen. Der christliche Brauch vor dem bevorstehenden Fest „Christi Geburt“ zu fasten wird genau eingehalten. Schrottfasten.

Am 24. Dezember um exakt kurz vor 17:00 empfiehlt sich der Römerberg. Wer sich der Stadt verbunden fühlt begibt sich mit einem sektartigen Getränk auf diesen. Es ist auch Brauch immer ein Glas, ja Glas nix Plaste, mehr mit sich führen als tatsächlich benötigt wird. Es gibt dort immer ein paar Menschen, die alleine da stehen und bedröbbelt gucken. Sie freuen sich besonders über ein „Frohes Weihnachten“, einmal anzustoßen und etwas dummes Zeug erzählen. Dann wartet die Menge Mensch auf die Gloriosa.

Dieser zwölf Tönner von St. Bartholomäus fängt so fünf vor fünf an sich einzuschwingen. Ab Fünf hat er die volle Lautstärke erreicht und die restlichen Kirchen in der Innenstadt beginnen sich einzumischen – in das Frankfurter Stadtgeläute und der Frankfurter fängt an sich gemütlich auf Tour zu machen. Das Stadtgeläute klingt in jeder Ecke anders und es gibt verschiedene Harmonien zu entdecken.
Das ist so ein Moment an dem ich mir denke, dass ich in einer richtigen Stadt wohne.

Wäre da nicht diese menschgewordene Abschweifung namens

Olaf Kunnix

Olaf Cunitz.

Der Raum zwischen Dom, Schirn und Technischem Rathaus war früher ein fantastischer Klangraum in dem das Domgeläut richtig zum Tragen kam. Jetzt wurde dort verdichtet. Und noch ein Stadthaus. Und noch ein paar mittelalterliche Neubauten. „Bim“ sagt die Gloriosa dazu.
Ja, überall wird verdichtet. Da wird noch etwas teures Wohnen, Innovationsquartier getauft, in eine wichtige Frischluftschneise gequetscht. Jeder schöne Platz wird mit hochwertiger Archtektur (Kuben, nur Kuben) zugebastelt. Natürlich kommt in diese „Architektur“ höherwertige Gastronomie (so eine von diesen Frankfurter Mampfkramketten mit Design)
Isch könnt misch ja uffresche. Aber er ist halt auch so ein Grüner, der kann nix dafür. Fehlerhaft sozialisiert. Ist ja bekannt. Unterdrückte Aggression und so.

Es klingelt. Die bucklige Verwandschaft kommt. Ich muss noch schnell etwas Gift ins Essen mischen.

Das Damenprogramm muss weg.

Madame war mal wieder weltweit.
So macht Mann zu Hause Damenprogramm: waschen, bügeln, backen, in die Wirtschaft gehen und dummes Zeug reden. Kultur gab es auch. Ein Schniefefilm namens „Ewige Jugend“. Zum Schluss gab es viele schniefende Männer im Saale. Dito. Zwischendurch wurde auch viel gelacht. Gute Pointen. Gut gesetzt. Schöne Bilder. Kein Kawumm. Damenprogramm eben. Reingehen.


(Kipfermeditation)

Das Schöne an hausfraulichen, händischen Tätigkeiten ist der meditative Effekt. Mann kommt einfach runter. Sinniert über die Welt im Besonderen, im Allgemeinen, im Arschlochigen und im hilflosen Schweben außerhalb jeglicher Realität.
Kipflerlmachen ist sowas. Anfangs sucht Mann noch die schnelle Lösung. Die Dinger sind noch recht gewaltig und unförmig. . Dann werden sie immer kleiner bis sie eine mundgerechte Größe erreicht haben und gut zu greifen sind. Die Stunde der Diplomatie. Wenn sie dann schön Vanillepuderzuckert sind und gut durchgezogen ist die Sache unterschriftsreif.
Der Kaffee kann gekocht werden.

So ist das in Paris zur Klimakonferenz bis zum Menschenmetzeln in Daeschland. So formt Mann Kipferl und denkt was zu tun ist. Zäune bauen? Schrecken nicht ab aber regen nur auf. Schwarze Männer an die Wand malen? In Syrien müssen die Schüler zwei Fremdsprachen lernen. Woanders sind Bücher haram. Die kriegen dann Waffen. Aber was helfen zwei Fremdsprachen wenn es nicht mehr regnet und die Felder verdorren? Zünden wir mal ein paar Häuser an. Statuieren wir Exempel. Wie dunnemals. Mit dem selben Erfolg. Wir können auch das alte Plastikspielzeug vor die Heime kippen. Ihr wisst schon – dass was nicht in die Tonne passt und für den Sperrmüll zu klein ist. Die freuen sich bestimmt. Vielleicht sogar das Trampolin, was vor zwei Jahren bei Aldi im Angebot war – nimmt ja doch keiner mehr.

Wir können sie einfach auf der Straße grüßen. Wäre mal ein Anfang.

Jetzt muss ich aber mal umschweifen sonst mach ich mich fertig.
Letzten Sonntag waren wir wieder mal Weihnachtsmarkten. Im Elsass. Mann muss ja was für das Klima tun. In Haguenau haben wir zweimal den besten Glühwein aller Zeiten getrunken. Einmal vor der Pâtisserie Heitz den bekannten, etwas dünneren, pappsüßen mit den vielen Gewürzen. Der hat auf lieblichste Art den Zahnschmelz weggeprazzelt und schräg gegenüber beim Lions Club einen weißen. Der war so richtig nach Waswegmuss.
Das Rezept wurde mir unter der Hand verraten: Eine Flasche guten Riesling und eine Flasche guten Edelzwicker langsam warm machen.
Wir fuhren dann noch weiter nach Straßbourg. Die EU-Weihnachsmarkthölle mit landestypischen Spezialitäten und LED-Beleuchtung. Es war sehr leer da. Ohne Polizei und Militär sogar richtig leer. Die Standbetreiber wirkten so trostlos wie sonst das Gesamtensemble.

Terror scheint zu funktionieren.

Wenn wir es zulassen.