Der U-Bahnsteher muss weg.

Zumindest im Winter.
Und schon wird es kompliziert. Sehr sogar.

Das Setting: Es ist Winter. Eine U-Bahn fährt ein. Ich möchte einen Sitzplatz.
(Extra: Der Sitzplatz sollte strategisch günstig zur hektisch schaltenden Fußgängerampel an der Aussteigehaltestelle sein. Es ist Winter.)

Durch die Fenster werden die freien und möglicherweise frei werdenden Plätze gescannt. Auch Ausweichplätze mit zumutbaren Sitznachbarn kategorisiert.
NoSeats sind Omas im Pelzmantel mit Hackenporsche, Kampfhundbetreiber, Leute – die mir ihr vorher zu sich genommenes Essen noch mal zeigen könnten und Stinker – bei dieser Klasse kann die olfaktorische Prüfung leider erst vor Ort stattfinden.
MaybeSeats sind Junkies – die schlafen eh gleich ein, Handystreichler und wichtige Menschen – deren Beinspreizwinkel mit der gefühlten Göttlichkeit korreliert.
WellSeats sind so der ganze Rest.

Action!
Die Bahn steht. Ich habe einen günstigen Einsteigeplatz – denke ich. Denn ich stehe entweder an der Seite wo sie alle aussteigen, wo die Nachzügler aussteigen oder eine Mutter mit einem sorgsam verkeilten „Ich-will-nicht-fahren-Kind“ drängelt sich vor mich. Derweil werden die Plätze von anderen belegt. Ich stehe dann neben einem nassen, stinkenden Mountainbiker nebst schlammstrotzender Tretmühle; einem nicht nassen Berber mit tütenstrotzender Tretmühle oder einigen knochigen Erfolglingen, die mir ständig ihre dürren Gebeine in die Seite pieksen.
Das übliche Setting also.

Doch manchmal kommt es ganz anders. In diesem Eingstieg steht nur einer. Die Gelegenheit wäre günstig aber es der Teufel in Menschengestalt und das geborene Fegefeuer in Personalunion: Der U-Bahnsteher.
Seine Geschichte ist nicht bekannt. Seine diabolische Tätigkeit verrichtet er auf unterschiedliche Art und Weise. Nie ist die Menschheit vor ihm sicher. Auch kann er beliebig das Geschlecht wechseln.
Bei den weiblichen U-Bahnsteherinnen scheint es sich um entlaufene Klosterschwestern zu handeln, die mit dem wirklichen Leben nicht so vertraut sind. Es gibt sehr viele von ihnen und sie sind einfach zu erkennen. Wenn sie beispielsweise über die Fußgängerzone gehen und plötzlich bleibt jemand vor ihnen stehen und guckt entrückt sinnentleert oder ändert urplötzlich die Gehrichtung so dass Kollisionen unvermeidlich sind: Das ist eine U-Bahnsteherin.
Die männliche Ausprägung hat eher etwas von Cordez dem Eroberer bei dem Erstbetreten der zu zivilisierenden Wildnis. Der ganze Stolz, die ganze Erhabenbenheit eines großen Geistes wird für alle Umstehenden sichtbar wenn er aus der U-Bahn steigt und erst Mal eine Weile vor der offenen Türe stehen bleibt – bis die Plätze alle besetzt sind.

Ich bin ja noch gar nicht abgeschwiffen.

Der U-Bahnsteher ist nur im kalten Winter eine wahre Plage – im Sommer hingegen..

(Wir befinden uns in Frankfurt wo die FES voraussetzt, dass jeder Fahrgast Bankvorstand ist und nur im Dreiteiler mit Krawatte aus dem Hause schreitet werden die neuen Verkehrsmittel auf gefühlte 9° Celsius heruntergekühlt.)

…bringt er Wärme in die Welt

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6 Gedanken zu “Der U-Bahnsteher muss weg.

  1. Du hast noch gar nicht erzählt, welche Waffe du im Kampf um die Teilnahme an der kollektiven Fortbewegung einsetzt. Kampfhund, Rollator, LSD, Nanga-Parbat-Rucksack, aufgespannter Regenschirm oder die gute alte Pumpgun? Was ist dein Erfolgsgeheimnis?

    • Tippe eher auf Blähungen…..

      Ansonsten mal wieder ein geiler Text.
      Dachte erst, da fehlt doch was….bist dann aber doch noch rechtzeitig abgeschwiffen.

  2. Interessant, bislang firmierten solche Leute bei mir immer unter der Bezeichnung ‚Menschen mit dem natürlichen, vermiutlich angeborenen Talent, im Weg herumzustehen‘.

  3. Ja, das ist schon toll, wenn man Englisch kann, isn’t it. MaybeSeats, WellSeats, NoSeats. Ich hatte die ganze Zeit Schiss, dass noch NoGo kommt, aber das haben wir ja (immerhin) hinter uns. Warum mich das hier ärgert? Da müsste ich mich ja in 10.000 Blogs ärgern. Es ärgert mich, weil ich die Idee dieses Blogs so schön finde. Was weg muss.. Toll. Das haut hin. Weitermachen.

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